Am 11. September 2001 machte dieser Flugkapitän eine Durchsage und belog seine Passagiere.

Danach wurden wir mit Vans in ein sehr kleines Hotel in Gander gebracht. Wir hatten keine Ahnung, wo unsere Passagiere hinkamen. Die Stadt Gander hat ungefähr 10.400 Einwohner. Das Rote Kreuz sagte uns, dass es rund 10.500 Passagiere aus allen Flugzeugen zu verteilten gälte, die unfreiwillig nach Gander gelangt waren. Wir sollten uns im Hotel entspannen und auf den Anruf warten, dass wir zurück zum Flughafen kommen könnten, aber das könne dauern. Wir erfuhren den Gesamtumfang des Terrors in unserer Heimat erst, als wir in unseren Hotels Fernsehen schauten, 24 Stunden nachdem alles begonnen hatte. Derweil konnten wir uns die Stadt ansehen, Dinge entdecken und die Gastfreundschaft genießen. Die Menschen waren so herzlich, und sie wussten nur, dass wir die “Flugzeugleute” waren. Wir hatten alle eine schöne Zeit, bis wir den sehnlichst erwarteten Anruf erhielten: zwei Tage später, am 14. September, um 7:00 Uhr morgens. Wir kamen um 8:30 Uhr am Flughafen an, starteten nach Atlanta um 12:30 Uhr und kamen um 16:30 Uhr dort an. (Gander ist 1 Stunde und 30 Minuten hinter der Ostküstenzeit.) Aber das ist es eigentlich gar nicht, was ich dir erzählen will. Sondern: Was die Passagiere uns erzählten, war so erhebend und unglaublich, und das Timing hätte nicht besser sein können. Wir fanden heraus, dass Gander und die umliegenden kleinen Kommunen innerhalb eines Radius von 75 km all ihre Schulen, Ballsäle, Veranstaltungshallen, Hütten und alle anderen großen Treffpunkte geschlossen und in Massenunterkünfte umgewandelt hatten. Einige hatten Betten hergerichtet, andere Matten mit Schlafsäcken und Kissen organisiert. ALLE High-School-Schüler hatten sich freiwillig um die Betreuung der “Gäste” gekümmert. Die 218 Gäste aus unserer Maschine wurden in der Kleinstadt Lewisporte in einer Schule untergebracht, etwa 45 km von Gander entfernt.

 

Instagram/woolf_man

 

Wenn eine Frau in einen Schlafsaal nur für Frauen wollte, wurde das organisiert. Familien blieben zusammen. Die älteren Passagiere wurden in privaten Wohnungen untergebracht. Die junge, schwangere Frau wurde ebenfalls in ein privates Wohnhaus gebracht, das gegenüber der 24-Stunden-Notaufnahme lag. Hier waren auf Abruf Ärzte für sie da, und sie hatten sowohl männliche als auch weibliche Krankenschwestern zur Verfügung, die mit den übrigen in Kontakt blieben. Telefonanrufe und E-Mails in die USA und nach Europa standen für jeden einmal pro Tag zur Verfügung. Während dieser Tage wurden den Passagieren Ausflüge angeboten. Manche unternahmen eine Bootsrundfahrt in die Häfen und auf den Seen. Manche sahen sich die Wälder an. Örtliche Bäckereien blieben offen, um frisches Brot für unsere Gäste zu backen. Essen wurde von den Freiwilligen vorbereitet und zur Schule gebracht. Manche fuhren in Restaurants ihrer Wahl. Ihre Kleidung konnten sie in der lokalen Wäscherei abgeben, da ihr Gepäck noch immer im Flugzeug war. Um es zusammenzufassen: Jedes einzelne Bedürfnis der unglücklichen Reisenden wurde erfüllt. Die Passagiere weinten, als sie uns diese Geschichten erzählten.

 

Facebook/Gander International Airport

 

Nach alldem wurden sie an den Flughafen gebracht, ohne dass einer zu spät kam oder fehlte. All das, weil das örtliche Rote Kreuz einen ausgezeichneten Überblick über die Geschehnisse in Gander hatte und wusste, welche Gruppe wann zum Flughafen musste. Einfach unglaublich. Als die Passagiere zu uns an Bord kamen, war es, als kämen sie von einem Ausflug zurück. Alle kannten einander beim Namen. Sie tauschten Geschichten aus und beeindruckten sich gegenseitig damit, wer die beste Zeit gehabt hatte. Es war umwerfend. Unser Flug nach Atlanta glich einem Partyflug – freilich mit schrecklichem Hintergrund. Die Passagiere waren wie ineinander vernarrt und riefen sich mit ihren Vornamen, tauschten Telefonnummern, Post- und E-Mail-Adressen aus. Und dann passierte etwas Merkwürdiges: Einer aus der Business-Klasse kam auf mich zu und fragte mich, ob er über den Lautsprecher mit seinen Mitpassagieren reden könnte. Wir erlauben das niemals. Aber etwas sagte mir, dass ich es ihm gestatten sollte. Ich sagte: “Natürlich!” Der Herr nahm den Lautsprecher und erinnerte alle daran, was sie gerade in den letzten Tagen erlebt hatten. Er erinnerte sie an die Gastfreundschaft, die sie durch Fremde erfahren hatten. Er fuhr fort, dass er auch der Kleinstadt Lewisporte etwas zurückgeben möchte. Er sagte, dass er einen Treuhandfonds unter dem Namen DELTA 15, unserer Flugnummer, einrichten wollte. Der Zweck des Treuhandfonds war es, den High-School-Schülern aus Lewisporte ein Stipendium zu bieten, damit sie aufs College gehen könnten. Er bat um Spenden, egal in welcher Höhe, von seinen Mitreisenden. Am Ende beliefen sich diese auf 14.500 US-Dollar. Der Herr, der die Idee ins Leben gerufen hatte, war als ein Mediziner aus Virginia. Er versprach, die Spenden zu überweisen und die Verwaltungsarbeit für ein Stipendium zu starten.’“

 

Diese Geschichte berührt jeden und zeigt, dass sich gerade in der Not die schönste Seite der Menschlichkeit zeigt.